Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch die Kraft und die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus dargelegt haben; sondern sind selbst zu Augenzeugen seiner Majestät geworden. 
Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis, die ihm eine Stimme von großer Klarheit brachte: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.
(2. Petrusbrief, Kapitel 1)

Liebe Gemeinde,

wenn wir ein Buch lesen, tut sich vor unserem inneren Auge eine eigene Welt auf. Als vor einigen Jahren die Bücher von Joanne K. Rowling über den Zauberschüler Harry Potter erschienen, begab sich eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen in diese frei erfundene Welt von Hogwarts aus Muggeln, Halbblütern, Zaubermeistern und anderen Wesen. Der weltweite Erfolg hat die Aufmerksamkeit von wohlmeinenen und kritischen Beobachtern hervorgebracht. Während der Papst 2005 darin eine Gefahr sah („dies sind subtile Verführungen, die unmerklich und gerade dadurch tief wirken und das Christentum in der Seele zersetzen, ehe es überhaupt recht wachsen konnte“), fanden Psychologen in einer 2014 veröffentlichten Studie heraus, dass Harry-Potter-lesende Jugendliche gegenüber Minderheiten vorurteilsfreier sind. Wer beim Lesen der Bücher gelernt hatte, sich in die verschiedenen literarischen Rollen hineinzuversetzen, der schulte dabei auch die Fähigkeit, fremden Menschen offener zu begegnen. Außerdem positionieren sich Menschen dann schneller auf Seiten dessen, was sie als Gut erkennen und scheuen keine Konflikte mit „Bösewichtern“.
Menschen haben sich schon immer spannende Geschichten erzählt: zur Unterhaltung, zur Erinnerung an prägende Ereignisse, zum Verarbeitung von Katastrophen oder zum Aufzeigen von richtigen Handlungsmöglichkeiten.

Sonngruß 10 01Mosaik über die Schöpfung Gottes

 

Ich ersuche euch nun, liebe Geschwister, solange die Barmherzigkeit Gottes währt, euren Leib als ein lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen; als wohlüberlegte Gottesverehrung durch euch.Passt euch auch nicht dieser Welt an, sondern gestaltet sie in Wiedererneuerung des Sinnes um, damit ihr im Willen Gottes bleibt, im Guten und Wohlgefälligen und Vollendeten.
Römerbrief 12, 1-2

Liebe Leser*innen des Sonntagsgrußes,

was wird in dieser Zeit nicht alles von uns verlangt? Abstand voneinander halten, das Gesicht verbergen, Kontakte meiden. Würden diese Aufforderungen für sich genommen, müsste jeder christlich empfindende Mensch sofort in Widerstand dazu gehen. Jesus scheute ja auch keine Nähe und verbarg sein Angesicht nicht. Doch diese Aufforderungen stehen nicht für sich im leeren Raum, sondern sind aus einem Grund und auf ein Ziel hin so formuliert: das Wohlergehen von uns Menschen.

Ganz ähnlich ist es mit dem, was Paulus schreibt. Seinen Leib als ein Opfer hinzugeben widerspräche dem, was er sonst geschrieben hat, dass nämlich Jesus als einmaliges Opfer allen anderen Opfern ein Ende setzt, und seien sie noch so gut gemeint und noch so teuer erkauft. Das Leben kostet uns Menschen nichts mehr, und Gott verlangt auch nichts von uns, weil er uns aus reiner Herzlichkeit beschenkt. Das heißt nicht, dass unser Leben und was wir damit machen, wertlos sei. Ganz im Gegenteil! Auch hier geht es um unser Wohl.

Weil wir durch Gottes Güte frei sind von Bewertungen und folglich keinen berechenbaren Preis haben, kommt uns ein unermesslicher Wert zu. Weil wir also bei Gott so hoch im Kurs stehen, sagt Paulus, können wir unser Leben so einsetzen, dass es etwas Gutes bewirkt. So wie Jesus das vielfach auch tat.
Dieser Einsatz kann bei jeder und jedem sehr verschieden aussehen und doch aus der uns allen gemeinsamen Erfahrung der wunderbaren Barmherzigkeit Gottes heraus geschehen. So wird diese göttliche Herzlichkeit, in der alles Leben gründet, auch für die sichtbar, die sie bisher noch nicht bewusst wahrgenommen haben. Denn erreicht, berührt und bewegt hat Gott uns alle und alles, was lebt. Ihn und seine Wohltaten aber auch wahrzunehmen, darin unterscheiden wir Menschen uns. Ob und wie ein Mensch Gott begegnet, erfährt nur er selbst. Paulus warnt daher, unser Leben an Maßstäben zu messen, wie wir sie aus unserem Alltag kennen und diese Formen des Daseins als Richtschnur zu nehmen. Vielmehr sollen wir zuerst aus der Glaubenserfahrung heraus leben.

Dabei ist das Bewusstsein der eigenen Gottesgegenwart entscheidend. Das Geschehen, innerhalb dessen ein Mensch Gott empfängt, empfindet und erkennt, bezeichnet Paulus als Wiedererneuerung des Sinnes. Sie vollzieht sich tief in uns und öffnet eine Sicht in die Gedanken Gottes selbst. Ein Mensch, der Gott so in sich erlebt, kennt seinen Willen, weiß, was Gott weiß, sieht, was Gott sieht und tut, was Gott tut.

Das ist aber nicht nur etwas für wenige Auserwählte, sondern ist für jeden Menschen möglich. Denn ein jeder Mensch ist in seiner Weise gleich unmittelbar zu Gott und gleich nah an seinem Herzen. Jeder Mensch weiß, was gut ist und hat schon Gutes erfahren. Jeder Mensch lebt und jeder nutzt seinen Verstand in der ihm eigenen, von Gott verliehenen Weise. Diese bunte Vielfalt der Schöpfung macht ihren Reichtum aus. Dies zu betrachten und sich selbst als wesentlichen Teil darin zu verstehen und danach zu leben ist wahre Gottesverehrung und vollendetes Menschsein.

Herzliche Grüße- auch von Jutta Richter-Schröder und Gudrun Schlottmann -

Hardy Rheineck

BreughelDie sieben Werke der Barmherzigkeit
Pieter Breughel

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Gemeinde,

bei einer Reise habe ich einmal einen indischen Tempel besuchen können. Während des ganze Besuches hörten wir eine Stimme, die die vielen Namen der Gottheit sang. Es war eine sehr beeindruckendes Erlebnis. Auch im Islam gibt es die Tradition der Namen Allahs, die die Menschen ehrfurchtsvoll nennen. Auch wir haben solch eine Tradition. „Es segne euch Gott, der Allmächtige und Barmherzige“ so spreche ich den Segen am Ende einer Andacht. Wenn ich Gott so nenne, so ist er die Kraft über die hinaus nichts vorstellbar ist und er ist zugleich die Barmherzigkeit.

sonnt 3 01 

Liebe Gemeinde,

neu anfangen zu können –, manchmal wünsche ich mir das, gerade am Jahresanfang. Doch dann merke ich, dass ich das Vergangene nicht einfach dadurch loswerde, dass ich einen neuen Kalender an die Wand hänge, sondern dass mich manches, ob nun Gutes oder Böses, weiterhin begleiten wird. Neu anfangen zu können heißt nicht, dass mein Leben auf Null gesetzt wäre wie eine neu formatierte Festplatte. Sondern neu anfangen zu können heißt, vor dem Hintergrund vergangener Erfahrungen einen neuen, einen anderen Weg einzuschlagen.

Einer der bemerkenswertesten Neuanfänge für mich ist, wie sich das Verhältnis von Juden und Christen in unserem Land nach den Verbrechen des Nationalsozialismus entwickelt hat. Nichts davon ist vergessen, und doch ist so viel Neues und Gutes entstanden. Nicht zuletzt durch das gemeinsame Lesen der biblischen Texte.

Wie gut ist es, dass wieder Advent ist: die Zeit des Anfangs, des Erwartens, dass die Welt ein gutes Ende nimmt, dass vor Gott anderes gilt als Macht und Geld und dass Menschenherzen durch Jesus erwärmt und erleuchtet werden.

Schon im Alten Testament, beim Propheten Sacharja stehen Worte, in denen diese Sehnsucht ausgedrückt und verheißungsvoll von Gott bestätigt wird.

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde. (Sacharja 9, 9-10)

Zuerst geht es hier um Menschen, die sich mit Jerusalem verbunden fühlen und von Zion etwas erwarten. Menschen, die den Blick einnehmen von der Innenseite dieser Stadt, in der schon damals und bis heute eine bunte Mischung aus Menschen vieler Völker leben, Menschen, die vieles trennt: die Kultur, die Religion, die Sprache, die Vorstellungen, wie gelebt und regiert werden soll; aber doch eines eint, dass sie von Gott etwas erwarten, sogar das Entscheidende erwarten, nämlich eine Änderung der Verhältnisse. Es eint die Jerusalemer jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens, ja sogar die Bahai, der Glaube, dass sich etwas ändern muss und sich etwas ändern wird. Es werden hier alle Menschen angesprochen, diejenigen, die leiblich in der Stadt präsent sind, aber auch diejenigen, die zur Zeit nur ihre geistliche Heimat dort haben. Sie alle sollen sich freuen. Sie sollen sich sehr freuen, ja sie sollen jauchzen.

 
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