Ich steh an deiner Krippen hier

  1. Ich steh' an deiner Krippen hier,               Krippe 27 12
    o Jesu, du mein Leben;
    ich komme, bring' und schenke dir,
    was du mir hast gegeben.
    Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
    Herz, Seel' und Mut, nimm alles hin
    und laß dir's wohl gefallen.
  1. Da ich noch nicht geboren war,
    da bist du mir geboren
    und hast dich mir zu eigen gar,
    eh’ ich dich kannt’, erkoren.
    Eh’ ich durch deine Hand gemacht,
    da hast du schon bei dir bedacht,
    wie du mein wolltest werden.
  1. Ich lag in tiefster Todesnacht,
    du warest meine Sonne,
    die Sonne, die mir zugebracht
    Licht, Leben, Freud’ und Wonne.
    O Sonne, die das werte Licht
    des Glaubens in mir zugericht’,
    wie schön sind deine Strahlen.
  1. Ich sehe dich mit Freuden an
    und kann mich nicht satt sehen;
    und weil ich nun nichts weiter kann,
    bleib’ ich anbetend stehen.
    O daß mein Sinn ein Abgrund wär’
    und meine Seel’ ein weites Meer,
    daß ich dich möchte fassen.

Liebe Leserinnen und Leser,

„Ich steh an deiner Krippen hier“ – dieses Lied kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn ich zum Christfest die Krippe betrachte. Ein besonderer Augenblick. Dieses Bild bewegt mich. Und ich denke, es geht nicht nur mir so.>
In diesem Jahr Heiligabend sind viele Kinder und Erwachsene vor der erleuchteten Krippe im Flur des Katharina-von-Bora-Hauses stehen geblieben und haben sie angeschaut, haben überlegt, wer bei dem Jesuskind wacht. Sind es die Hirten oder die Heiligen drei Könige? Wo sind denn eigentlich die Schafe? Sind sie allein auf den Feldern oder haben die Hirten sie mitgenommen? Ist denn das Jesuskind auch warm genug angezogen? Solche Fragen waren zu hören. Da war ein Glanz in den Augen zu sehen, ein Staunen zu spüren.

„Ich steh an deiner Krippen hier“ – einfach nur da zu stehen, ist ja gar nicht so einfach, wie es sich anhört. Es gibt dieses Unwohlsein, wenn man in der Gegend herumsteht, irgendwie fehl am Platz mit dem Gefühl, zu viel Raum einzunehmen, nicht richtig atmen zu können, den Blick herumschweifen zu lassen - gehemmt, verhalten, mit Abstand zu den anderen.

Todesnacht, schreibt Paul Gerhard - mitten am Tag, mitten im Alltag - Todesnacht. Das ist so wie: Man steht da und hat das Gefühl, sich selbst verloren zu haben und nach Sicherheit zu suchen im Trubel des Alltags, in den Sorgen dieser Tage. An besonderen Tagen, wie den Weihnachtstagen, in denen Geist und Sinn, Herz, Seele und Gemüt angerührt werden, treten manche Gedanken in den Vordergrund, die sonst übertönt werden.

„Ich lag in tiefster Todesnacht“, schreibt Paul Gerhard. Er wusste, wovon er schrieb. 30 Jahre lang erlebte er den Krieg. Vier seiner Kinder starben. Er kannte äußere und innere Not.
Unsere Todesnächte sind andere. Da sind Ungewissheit und Zukunftsängste, die ein ganzes Land, ja die ganze Welt beschäftigen. Dazu kommt manchmal auch die persönliche Not, innere und äußere.

Als ich Heiligabend einen Blick auf die Krippe im Katharina-von-Bora-Haus warf, fiel mir besonders ein Satz aus Paul Gerhardts Lied ein: „Und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen“. Das Gebet fiel mir ein und es war in dem Moment der Weg, um all das loszulassen, was mich bewegte, das Schöne und das Schwere, der Weg, auf dem das Licht des Christuskindes seine Wirkung auf mich hatte. Im Gebet wurde mir deutlich: Nichts liegt mehr in meiner Hand, alles liegt in Gottes Hand. Ins Gebet gehört die Finsternis hinein, das Ringen und auch das Danken und Loben. Es ist ein Weg, um Vertrauen zu verschenken: „Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dir's wohlgefallen.“ In diesen Tagen kann ich die dichte und persönliche, mir manchmal ein wenig fremde und altertümliche Sprache dieses Liedes gut annehmen.

Denn Weihnachten spüre ich, dass es diese verdichteten Augenblicke geben kann: Einfach nur dazustehen und zu erleben, dass eine Wirkung vom Bild der Krippe ausgehen kann, dass Gott nahe ist. An diesen Augenblick möchte ich mich erinnern und ihn mitnehmen, damit es auch im kommenden Jahr immer wieder Weihnachten werden kann.

Herzliche Grüße zum Sonntag nach Weihnachten, auch im Namen von Pfarrerin Jutta Richter-Schröder und Pfarrer Hardy Rheineck,

Ihre/Eure Gudrun Schlottmann

 
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