Wildunger   Die Geburt Christi, Conrad von Soest, 1404

Liebe Gemeinde,

in diesem Jahr feiern wir Weihnachten unter so ganz anderen Umständen. Keine Gottesdienste in unseren Kirchen, unvorstellbar! Doch Weihnachten fällt nicht aus. Ich habe sogar das Gefühl, es ist uns umso wichtiger, Weinachten zu feiern. Das Fest ist ein Licht in diesen dunklen Tagen. Heute, an Heiligabend, erinnern wir uns, die Weihnachtsgeschichte erzählt uns schon immer, was in und unter anderen Umständen als Menschen es erwarten, von Gott her geschieht.


Mir wird das gerade in diesem Jahr besonders bewusst. Es macht mir Mut und es macht mich auch nachdenklich. Solange ich mich erinnern kann, habe ich sicher und in Frieden mit meiner Familie Weihnachten feiern können. Das war einfach immer so.

Ich erinnere mich aber auch, wie meine Mutter von einem Weihnachtsgottesdienst im Krieg erzählte: Von dem langen Weg durch die Dunkelheit über die Felder und Wiesen zur Kirche. Vom kleinen Dorf in die kleine Stadt, zu Fuß. Der Bruder gefallen in Russland, die Kirche nicht zu heizen, und das Dach kaputtgeschossen. Sicher war es damals auch in den Herzen der Menschen dunkel.
„Und dann“, hat sie erzählt, „ging mein Blick an diesem Abend durch das kaputte Dach in den Sternenhimmel über der Kirche, - nie habe ich das vergessen. Das hat mich tief berührt.“

Es war der Sternenhimmel, in den Abraham schaute, als er die Verheißung Gottes bekam, es war der Sternenhimmel, an dem später der Stern von Bethlehem den Weg wies. Das beschädigte Dach machte ihn sichtbar, in dieser Nacht.

Vielleicht haben Sie zu Hause eine Krippe? Vielleicht ähnelt unserem dem Bild? Auch dort ist das Dach beschädigt. Ein sternförmiges Loch ist zu sehen. Bilder und Krippen erinnern uns: Das Kind kommt in einem Stall zur Welt. Es hat nur ein Notbett. Das sind besorgniserregende Umstände.

Christus kommt von Anfang an in eine beschädigte Welt, in dunkler Zeit, in der Mitte der Nacht. Und doch erleben die Eltern und die Hirten, wie in diesen beschädigten, anderen Umständen Gott Ihnen ganz nahe ist.

Das Weihnachtsfest in diesem Jahr ist ein Fest unter anderen Umständen. Und für viele ein beschädigtes Fest, verbunden mit Enttäuschungen, mit Angst und mit Trauer. Wie es auch schon ein beschädigtes Jahr war: Hochzeiten verschoben, Geburtstage nicht gefeiert, Reisen abgesagt, Kurzarbeit, Läden, Restaurants, Kindergärten und Schulen geschlossene, Konzerte nicht gegeben und Theater geschlossen, finanzielle Sorgen, Sorgen um den Arbeitsplatz, Sorgen um Angehörige, um Freunde und Bekannte, das bewegt uns.

Und, wir vermissen einander heute Abend.
Manche sind hiergeblieben, andere nicht gekommen,- zur Sicherheit.

Viele Menschen im Land sind in Trauer. Viele arbeiten und kämpfen in den Krankenhäusern, auch heute Abend.

Und gerade deshalb ist es ein Weihnachten ganz nah an der Geschichte von Jesu Geburt.
Der Sternenhimmel über der kaputten Kirche, der Stern von Bethlehem über dem Stall mit dem schadhaften Dach, sie sagen mir:
Gerade dort fällt der Glanz des Himmels in die Welt und in die Herzen der Menschen. Gerade da sind vielleicht die Menschen auch besonders sensibel, es wahrzunehmen. Gerade dann ist Gott uns ganz nah.

Die Heilige Nacht 2020 ist vielleicht eine stillere und einfachere Heilige Nacht. Aber vielleicht ist das auch eine Möglichkeit, mehr zu spüren und wahrzunehmen, wie Himmel und Erde einander nahe sind. Wie die Engel es uns verkünden:

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden,
bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Wie auch immer und wo auch immer Sie in diesem Jahr Weihnachten feiern,

wir wünschen ihnen ein gesegnetes und behütetes Christfest.

Ihre Wehlheider PfarrerInnen

Gudrun Schlottmann, Hardy Rheineck und
Jutta Richter-Schröder

 
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