Abraham

Abrahams Gastmahl und die „Alttestamentliche Dreifaltigkeit“ (Ikone von Andrej Rubljew; um 1425)

Gedanken zum Predigttext: 1. Mose18,1-15

Liebe Gemeindeglieder!

An dem Tag, als er sie nun endlich besuchen kam, hatte Sarah nur noch ein Lachen übrig für Gott. Die ganze Zeit hielt sie sich still und arbeitsam im Hintergrund, während ihr Mann den hohen Gast eifrig umsorgte und empfing. Bis sie sich hörbar Luft verschaffen musste – und die angestaute Sprachlosigkeit, die angehäufte Frustration, die Zumutung ihres Lebens prustend, seufzend, hin-ausdrängte und ihr Lachen laut vernehmlich in der Luft lag über Gottes Besuch.

Der Gast war eine merkwürdige Erscheinung. In der Wüste werden die Sinne vielfach auf die Probe gestellt. Dennoch schälten sich aus dem Flimmern am Horizont drei Gestalten heraus, in denen Abraham sofort die Gegenwart Gottes bei seinen Zelten sah. Es ist sein Geheimnis, was ihn dazu veranlasste. Vielleicht war er vorbereitet, vielleicht wartete er auf ein Zeichen, vielleicht war er verzweifelt, weil es bislang nicht so richtig danach aussah, dass Gottes Verheißungen für sein Leben fruchtbar werden sollten. Vielleicht sehnte er sich in seinem Wüstenlager endlich nach einem Neu-anfang. Immerhin ließ er ein Festmahl auftischen und feierte sinnlich Gottes Gegenwart. Im Gespräch wirkten die drei wie einer, von dem die Worte Gottes selbst ausgingen. Und es lag die Frage in der Luft, ob diesen Worten noch zu trauen ist,

Die schillernden Gäste bringen das Gespräch schließlich selber drauf, indem sie sich nach Sarah er-kundigen und diesmal konkret bekräftigen, was Gott beiden wiederholt verheißen hatte, nämlich einen gemeinsamen Nachkommen, aus dem ein ganzes Volk hervorgehen würde.

Das ist der Moment, in dem sich Sahras Lachen einschaltet. Sie ist 90 Jahre alt und Abraham 100. Gott hat echt Humor. „Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren“, wird sie fragen in bitte-rer Ironie. Martin Buber übersetzt: „Nachdem ich zermorscht bin, würde mir Üppigkeit?“ All die vielen fruchtlos geglaubten, geliebten, gehofften Jahre. Die Unerträglichkeit der Wüstenei und häuslichen Einsamkeit. Das enttäuschte Vertrauen auf einen fruchtbaren, gedeihlichen Lebens-abend in einer Welt, in der Sodom und Gomorra in nächster Nachbarschaft liegen und nach uns greifen? Manchmal weiß man nicht, ob lachen oder weinen, manchmal lacht man bitter aus purer Verzweiflung.

An dieser Stelle kommt Gott für meinen Geschmack nicht eben gut weg. Als Sarah lachen muss zeigt der Dreieine wenig Humor: Wer hat da gelacht? Bitte melden! Es ist vermutlich nicht leicht, Gott zu sein in einer Welt, in der die Fakten den Glauben an die stete Möglichkeit der Erneuerung, der Wandlung zum Guten erschüttern. In der die Botschaft von der erlösenden Umgestaltung die-ser Welt in eine neue, heile Welt uns in der Tiefe durch alle Verhärtung hindurch erreicht.

Vielleicht gerade deshalb setzt er auf die sinnliche Erfahrung der verheißenen Geburt eines Kindes. Denn damit ändert sich alles: Der Blick auf die Welt und die Welt selbst aus der Perspektive derer, die das Kind betrachten. „Mit jeder Geburt beginnt eine neue Welt“, schreibt Hannah Arendt und interpretiert die alte biblische Erfahrung so, dass sie uns ermutigen will, die Welt und unser Leben nicht vom Ende, von der Begrenzung her zu verstehen, sondern von der schöpferisch-göttlichen Kraft, die in uns bewirkt, immer wieder ein Neues empfangen und erzeugen zu können.

Und in der Tat: übers Jahr wird dieses Kind geboren und Sarah wird es Isaak nennen: „Gott hat zum Lachen gebracht“ oder „Gott lacht“. Diesmal ist Erleichterung und Freude in ihrem Lachen. Amen.              

Pfr. Torsten Krey

 
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