Niko

Lieber Leserinnen und Leser,

heute ist der 6. Dezember, Nikolaustag! Besonders für Kinder ist das ein besonderer Tag, auf den sie sich sehr freuen. Darum feiern wir einen Familiengottesdienst. Im Mittelpunkt steht eine anrührende Geschichte, die ich auch im Sonntagsgruß für heute erzählen möchte:

Es ist die Geschichte von Avarizzo. So hieß ein Mann, von dem die Menschen sagten, dass er ein Herz aus Stein habe. Was meinten die Menschen damit? „Der hat ein Herz aus Stein…“ Sie meinten, dass Avarizzo sich sehr kalt und hart verhielt. Wie war es dazu gekommen? Was hatte sich Avarizzo gedacht?

„Ich will der Allergrößte sein. Ich will der Allerreichste sein. Ich will der Allererste sein.“ So dachte Avarizzo. Er musste ganz viel haben und immer alles festhalten.

Eines Tages nämlich hatte Avarizzo eine Stimme gehört. Woher war sie gekommen? Von außen? Von innen? Hörte er sie, als er wach war? Oder war alles ein Traum? Die Stimme flüsterte: „Avarizzo, ich mache Dich zum reichsten, zum mächtigsten Mann in der Stadt, ja im ganzen Land. Willst du?“ „Ja, ja, nichts lieber als das“, antwortete Avarizzo. „Gut“, sagte die Stimme. „Aber das kostet Dich etwas. Es kostet Dich Dein menschliches Herz. Gib es mir! Ich will es haben. Und ich gebe Dir dafür ein Herz aus Stein. Dieses Herz macht Dich mächtig und groß. Es übersieht alle Tränen der Menschen. Nichts kann es rühren, keine Not, kein Elend, keine Bitte. Mit diesem Herz kannst du Dir alles nehmen, was Du willst. Bist Du einverstanden mit dem Tausch?“

Avarizzo, dessen Herz schon lange hart geworden war, überlegte nicht lange: „Nichts wie her mit dem steinernen Herzen.“ So verlor Avarizzo sein menschliches Herz und tauschte es gegen ein Herz aus Stein. Das hatte Folgen: Von nun an kannte Avarizzo keine Grenzen mehr. Er nahm sich, was er konnte. Er nahm selbst von denen, die nichts hatten. Seinen Arbeitern zahlte er einen Hungerlohn. Bettler jagte er vor die Tür. Hunden und Katzen, die sich anschmiegen wollten, gab er einen Tritt mit dem Fuß. Seine Frau und seine Kinder hatten Angst vor ihm. Er kannte nur noch das: Geld, Besitz und Macht.

Bischof Nikolaus kannte die Menschen in seiner Stadt gut. Er kannte die Gro-ßen, die Kleinen, die Alten, die Jungen, die Reichen und die Armen. Er schaute in die Herzen der Menschen. Im Herzen spüren die Menschen ihre Freude, da fühlen sie ihre Not. Nikolaus kannte auch das steinerne Herz des Avarizzo und dachte: „Dieser Mann ist so reich und doch so arm. Er ist ein Mensch, aber ein unmenschlicher Mensch. Niemand liebt ihn. Er lebt mit allen im Streit. Er hat keinen Frieden. Es fehlt ihm an Liebe.“ Das machte Nikolaus traurig. Er erinnerte sich an ein Wort aus der Bibel. Da steht: Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen (Röm 5,5). „Wie muss sich das anfühlen: Die Liebe ausgegossen in mein Herz?“, dachte Nikolaus. „So fühlt sich das an: warm, zart, wunder-bar“, dachte er weiter. Da hatte Nikolaus einen Plan. Er hatte einen guten, einen mutigen Plan. Er wollte die Liebe Gottes zu Avarizzo bringen. So ging er eines Tages zum Haus von Avarizzo und klopfte an dessen Tür. Als Avarizzo die Türe öffnete, mit einem bösen Spruch auf den Lippen, da blickte ihn Nikolaus einfach an: ganz offen, voller Herzlichkeit. Nikolaus öffnete seine Arme. Er ging auf Avarizzo zu, umarmte ihn und sagte: „Avarizzo, die Liebe Gottes ist ausgegossen in Dein Herz!“ Darauf war Avarizzo nicht vorbereitet. Dies hatte er nicht erwartet. Der liebevolle Gruß traf selbst sein kaltes Herz. Er sagte: „Ja, die Liebe fehlt mir. Ich habe keine Liebe. Und niemand liebt mich. Wo kann ich die Liebe kaufen?“ Nikolaus sagte zu Avarizzo: „Die Liebe muss Du tun. Ich helfe Dir da-bei, wenn Du willst.“ Und Avarizzo wollte. Bischof Nikolaus setzte sich mit Ava-rizzo an einen Tisch und überlegte mit ihm gemeinsam, wie die Liebe in sein Herz kommen und sein steinernes Herz verwandeln konnte. Avarizzo begann, dieses und jenes zu tun, was den Menschen guttat.

Es zerriss ihm fast das Herz.

Denn so ist es am Anfang, wenn etwas Hartes weich werden und schmelzen soll. Da kracht und klirrt es und es braucht Zeit. Allmählich aber verwandelte sich sein Herz. Es wurde wieder warm darin und hell. Und dann geschah es eines Tages: Das steinerne Herz war geschmolzen und in Avarizzo schlug wieder ein lebendiges, weiches, liebendes Herz. Auch sein Besitz und sein Reichtum schmolzen. Dafür aber erlebte Avarizzo die Freude der Menschen, die er jetzt beschenkte: Seine Arbeiter achteten ihn, seine Frau und seine Kinder hatten keine Angst mehr und auch die Tiere, Katze und Hund, liefen nicht mehr vor ihm weg, sondern schmiegten sich an ihn. Avarizzo selbst konnte wieder fühlen: Freude und Schmerz, die Liebe. In sein Herz zog Frieden ein. Avarizzo war, wie man sagt, mit Gott und der Welt, vor allem mit sich zufrieden und versöhnt. Nikolaus hatte mit seinem liebenden, goldenen Herzen das steinerne Herz verwandelt, und Avarizzo wieder menschlich und liebevoll gemacht.

Auch im Namen von Pfarrerin Jutta Richter-Schröder und Pfarrer Hardy Rheineck grüße ich herzlich und wünsche einen gesegneten zweiten Advent,

Ihre/ Eure Gudrun Schlottmann

 
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