SahnetorteGenug ist genug

„Wenn du jeden Tag Sahnetorte isst, weißt du am Ende nicht mehr, wie Sahnetorte schmeckt.“ Ein Satz aus dem Kernbestand der Lebensweisheit meiner Großmutter. So einen Satz kann man nicht vergessen.

Nun war es im Haushalt meiner Großmutter gar nicht möglich, jeden Tag Sahnekuchen zu essen, dazu hätte das Haushaltsgeld niemals gereicht und die Zeit zum Backen auch nicht. Sahnetorte stand auf dem Kaffeetisch, wenn es etwas zu feiern gab, also eher selten. Aber zu Ostern hat meine Großmutter in jedem Fall einen Sahnekuchen auf die Tortenplatte geschoben.

Ich denke, der Mangel an Geld und Zeit war deswegen für ihren Satz nicht ausschlaggebend. Es war eher ihre die Haltung dem Leben gegenüber, ihre ethische Grundüberzeugung, die aus dem Satz meiner Oma sprach. „Wie und mit welcher Einstellung komme ich gut durchs Leben?“, mit solchen Fragen kannte sie sich gut aus.

Der Genuss von Sahnekuchen, was natürlich beispielhaft zu verstehen ist, der entfaltet sich in bestimmten Grenzen. Mit diesen Grenzen muss ich mich innerlich beschäftigen und sie annehmen, das war ihre Lehre. Der Satz kam dabei eher lapidar über ihre Lippen, als Realität des Lebens, gar nicht so sehr als moralische Forderung. Das ist wohl auch der Grund für seine nachhaltige Wirkung.

Der Wunsch nach einem „Immer mehr“, eben jeden Tag Sahnekuchen essen zu wollen, der existiert und wird auch weiterhin existieren, aber er tut eben nicht gut. Das rechte Maß findet sich zwischen den Polen von zu wenig und zu viel. In dem Widerstreit der gegensätzlichen Wünsche von „Immer mehr wollen“ und „Aufhören wollen“ befinden wir uns als Menschen ständig und lebenslang.

Es bleibt eine stetige Aufgabe, zu erkennen, wann es genug ist und dann danach zu handeln. Es ist eine Kunst zu lernen, wann es an der Zeit ist, aufzuhören. Deswegen helfen Aufforderungen wie: „Du musst lernen, loszulassen“, auch nur manchmal weiter. Aus dem inneren Hin und Her zwischen Festhalten und Loslassen, aus dem Konflikt zwischen beiden Bedürfnissen kann eine Aufforderung gestrickt werden. Aber es kann passieren, dass ich dann vor lauter Schreck noch fester an liebgewordenen Gewohnheiten festhalte und mir vorstelle, dass doch noch „ein bisschen mehr geht“.

„Was brauche ich wirklich? Wann ist es genug?“ Diese Fragen orientieren sich an der Realität. Die Fastenzeit ist gut geeignet, um darauf Antworten zu finden.

Pfarrerin und Pastoralpsychologin Ute Zöllner

 
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